Wissenschaftliche Studie

Wir liefern Fakten

Psychosoziale Sicherheit – Luxus oder Lebensnotwendigkeit?

Welche Auswirkungen hat eine sanktionsfreie Grundsicherung auf Gesundheit, soziale Beziehungen und die Arbeitssituation? Wir wollen es herausfinden: mit einer wissenschaftlichen Langzeitstudie.

Rainer Wieland

Prof. Dr. Rainer Wieland

Rainer Wieland Rainer Wieland

Für die wissenschaftliche Konzeption und Durchführung der Studie wurde der Wirtschaftspsychologe und Leiter des Wuppertaler Instituts für Unternehmensforschung und Organisationspsychologie, Prof. Dr. Rainer Wieland beauftragt.

Wuppertaler Institut für Unternehmensforschung und Organisationspsychologie (WIFOP) der Schumpeter School of Business and Economics der Bergischen Universität Wuppertal

Psychosoziale Sicherheit – Verschwendung oder Investition? Die Studie zu HartzPlus Idee und konzeptuelle Grundlage

Psychosoziales und körperliches Wohlbefinden, Gesundheit sowie Kompetenzen zur Bewältigung der Anforderungen und psychischen Belastungen im Lebensalltag (Beruf, Familie, Umwelt, Selbstregulation etc.) können durch psychosoziale Sicherheit gefördert werden. Hartz-4-Empfänger*innen haben diese nicht; sie sind zudem häufig entwürdigenden Prozeduren und Situationen ausgesetzt.

Konzeptuelle Grundlagen des Projektes

Grundlage sind die von der Arbeitspsychologie hinreichend erforschten psychosozialen Wirkungen von Arbeit bzw. (als Gegenpol) von Arbeitslosigkeit. Die Evidenz in der (Arbeits-)Psychologie, dass Unsicherheit und Unbestimmtheit nicht nur zentrale und überaus starke Stressfaktoren sind, sondern zur „gelernten Hilflosigkeit", zu depressiven Verstimmungen und Inaktivität führen, ist seit vielen Jahren eindeutig. Kontrollverlust demotiviert, macht krank und ist einer der zentralen Stressfaktoren im Leben eines Menschen. Sanktionen bei Hartz-4-Empfänger*innen fördern genau dies: das Gefühl von Kontrollverlust.

Den Diskussionen zum Thema Sanktionen, die gegenwärtig heftig geführt werden, liegt dabei ein paradoxes Menschenbild zugrunde: der "Mensch in der Arbeitswelt" und der „Mensch ohne Arbeit" werden offenbar als zwei voneinander gänzlich verschiedene Menschengruppen betrachtet, deren psychische Funktionsweisen sich unterscheiden. Genauso hat bereits Frederick Winslow Taylor um 1900 zwischen dem „Menschentyp" des Ingenieurs, der von Natur aus fleißig, selbstmotiviert ist, und unternehmerisch handelt, und dem Arbeiter, der faul ist, nur durch Kontrolle und Geld motivierbar, unterschieden.

→ Der „Mensch in der Arbeitswelt":

In Unternehmen wird seit Jahrzehnten danach gesucht, welche Bedingungen Anreize dafür schaffen, dass die Beschäftigten motiviert und engagiert sind, Eigeninitiative zeigen, unternehmerisch handeln und möglichst geringe Fehlzeiten aufweisen. Die dahinterliegende Grundidee: Wir müssen für die Menschen psychologisch wirksame Situationen schaffen, die diese Verhaltensweisen ermöglichen. Ausgegangen wird dabei von folgendem Denkmuster bzw. Menschenbild: Die Beschäftigten brauchen geeignete Bedingungen, um angeregt zu werden, ihre verfügbaren Ressourcen – Fähigkeiten, Ausdauer etc. – auch tatsächlich zu nutzen. Eine wichtige Voraussetzung dafür sind verlässliche, vorhersehbare, faire und den menschlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen angepasste Arbeitsbedingungen. Aufgrund des Fachkräftemangels wird gegenwärtig intensiv darüber nachgedacht, wie dies am besten zu bewerkstelligen ist.

→ Der „Mensch ohne Arbeit":

Für diesen spielen die Bedingungen, unter denen er denkt, fühlt und handelt offenbar keine Rolle. Seine Situation ist prekär in Bezug auf seine gesamte Lebenssituation; zusätzlich erlebt er durch die stets drohenden Sanktionen, dass die Welt unsicher, nicht vorhersehbar und durch nicht kontrollierbare Bedingungen gekennzeichnet ist. Die in der Gesellschaft dominierende Vorstellung ist jedoch: Hartz-4-Empfänger*innen sollen auch unter diesen prekären Bedingungen in der Lage sein, sich „normkonform" zu verhalten. Sie sollen motiviert, engagiert und aufgeschlossen für die Sanktionen sein, denen sie ausgesetzt sind.

Arbeitstätigkeit hat aufgrund ihrer vielfältigen Wirkungen für unser psychisches, körperliches und soziales Wohlbefinden große Bedeutung für unser Leben. Unsere Aktivität und Kompetenzentwicklung, die Strukturierung unserer Zeit, Kooperation und Kontakt, soziale Anerkennung und die Entwicklung persönlicher Identität werden durch unsere Arbeitstätigkeit stark geprägt. Wie stark diese positiven Einflüsse sind, wird dann deutlich, wenn sie fehlen, wie dies bei Erwerbslosigkeit der Fall ist. Die Arbeitspsychologie der Erwerbslosigkeit belegt seit Jahren eindrucksvoll, welche negativen körperlichen, psychischen und sozialen Auswirkungen Erwerbslosigkeit bzw. Arbeitslosigkeit auf die Betroffenen hat.

Die positiven psychosozialen Funktionen der Arbeitstätigkeit – für Hartz-4-Empfänger*innen fehlen sie.

Der Weg:

Durch HartzPlus soll nunmehr psychosoziale Sicherheit gewährleistet werden. Ihre Wirkung soll hinsichtlich der Förderung von Wohlbefinden, Selbstwirksamkeitskompetenz, Eigeninitiative und Handlungsfähigkeit wissenschaftlich untersucht werden.

Studiendesign:

Die dreijährige Langzeit-Studie wird mit einer Experimentalgruppe von 250 Probanden durchgeführt. Zusätzlich soll in diesem Zeitraum eine Kontrollgruppe von 250 Probanden untersucht werden, die den üblichen Sanktionen ausgesetzt bleiben. Zu Beginn werden für die Studie relevante Persönlichkeitsmerkmale (Eigeninitiative, psychosoziale Befindlichkeit, Gesundheitskompetenz, Selbstwirksamkeitserwartungen, demografische Merkmale, gesellschaftspolitische Werthaltungen etc.) erhoben. Im Studienverlauf werden aussagekräftige und wissenschaftlich fundierte Zustände zur psychischen Befindlichkeit und Kontrollerleben zu mehreren Zeitpunkten erfasst. Zusätzlich werden qualitative Interviews durchgeführt und wissenschaftlich ausgewertet.

Erwartete Ergebnisse:

Die Studie ist ergebnisoffen; es werden keine einseitigen Hypothesen überprüft. Ziel ist vielmehr, Erkenntnisse zu gewinnen, die Hinweise auf wissenschaftlich fundierte und wirksame Maßnahmen liefern, die geeignet sind, eine Gesellschaft für den Menschen zu schaffen.

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